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5.3. Deutsche Rundschau
Die "Deutsche Rundschau" gibt in den neunziger Jahren endgültig ihre Rolle als führende Rundschau ab. Die Auflage sinkt von 10.000 auf 5.000 Exemplare, bleibt dann aber bis zum 1. Weltkrieg konstant. Der gute Ruf der "Deutschen Rundschau" als Zeitschrift mit hohem wissenschaftlichen und kulturellen Niveau bleibt allerdings bestehen. Das manifestiert sich eindringlich anhand des exklusiven Mitarbeiterkreises, der sich nicht wie in der "Neuen Rundschau" aus Berufskritikern als vielmehr aus angesehenen Wissenschaftlern zusammensetzt. In der "Deutschen Rundschau" wird daher im Gegensatz zu den subjektiven, parteiischen Stimmungsbildern der neueren Rundschauen immer noch der "objektiv" - wissenschaftliche, abwägende Essaystil gepflegt und das Bild des Wissenschaftlers als des Vertreters einer "besseren" öffentlichen Meinung aufrechterhalten. Aber gerade wegen dieser traditionell elitären Einstellung gelingt es Rodenberg, immer wieder bedeutende Mitarbeiter zu finden. Zu den wichtigsten Kunstreferenten zählen der Kunsthistoriker und Germanist Herman Grimm, der Direktor des Berliner Kunstgewerbemuseums Julius Lessing und die Kunsthistoriker Max J. Friedlaender und Willy Pastor. Nach Grimms Tod 1901 wird sein Schüler Walter Gensel der wichtigste Kunstkritiker der "Deutschen Rundschau". Auffallend ist jedoch, dass Herman Grimm und Willy Pastor ebenfalls literaturkritische Beiträge liefern und damit nicht den neuen Spezialisten, sondern dem alten Gelehrtentypus zuzurechnen sind, der aufgrund seiner umfassenden Bildung den Anspruch erhebt, die öffentliche Meinung zu repräsentieren. Zu den herausragenden Arbeiten in der "Deutschen Rundschau" zählen auch die philosophisch- kulturkritischen Beiträge Wilhelm Diltheys. Im literarischen Teil macht sich jedoch bemerkbar, dass die "Deutsche Rundschau" den Anschluss an die jüngere, naturalistische Entwicklung verpasst hat. In den neunziger Jahren bürgt zwar noch Theodor Fontane für literarische Qualität, aber nach seinem Tode 1898 kann kein schriftstellerischer Nachfolger mehr gefunden werden. Im Bereich der Theaterkritik, den immer noch Karl Frenzel leitet, wird gleichfalls keine Öffnung gegenüber den neuen naturalistischen Entdeckungen eingeleitet. Diese allem "Modernen" verschlossene Haltung trägt mit Sicherheit entscheidend zur sinkenden Abonnentenzahl der "Deutschen Rundschau" bei. Im Gegensatz zur "Neuen Rundschau" und zum "Kunstwart", die beide ein einseitiges, aber klar definiertes und auf eine bestimmte soziale Gruppe ausgerichtetes Kunstverständnis vertreten, findet sich in der "Deutschen Rundschau" kein profiliertes Kunstprogramm. Zwar werden die Impressionisten in der "Deutschen Rundschau" weitgehend ignoriert, doch hängt diese Missachtung nicht nur mit der Ablehnung ihres Ästhetikkonzeptes zusammen, sondern beruht ebenfalls darauf, dass die "Deutschen Rundschau" noch immer keine aktuellen Ausstellungsberichte abdruckt. Eine Ausnahme bilden nur solche Ausstellungen, die Kunst vergangener Jahrhunderte zeigen.1 Mit dieser Auswahl wird die bewusste Ignorierung zeitgenössischer Kunst allerdings nur noch weiter unterstrichen. Die im Vergleich mit den anderen Rundschauen spärlichen Kunstessays sind in erster Linie kunstgeschichtliche Betrachtungen, Jubiläumsgedenkartikel oder Nachrufe, so dass aktuelle Kunst notwendigerweise völlig zu kurz kommt. Als Maler eines "neuen Stils" werden in der "Deutschen Rundschau" Künstler gefeiert, die ihren Höhepunkt schon in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatten, wie Puvis de Chavannes, Burne- Jones, Feuerbach2 oder auch Böcklin, Adolf Hildebrandt und Hans Thoma, deren Werk jeweils anlässlich ihrer Geburtstage gewürdigt wird.3 Ebenso werden so unterschiedliche, aber gleichfalls dem letzten Jahrhundert angehörende Maler wie Adolf Menzel, Puvis de Chavannes oder Wassilij Weretschagin mit einem ausführlichen Nachruf geehrt.4 Dieses Verständnis für "neue" Strömungen geht jedoch nicht so weit, dass darüber die grundsätzliche Wertschätzung der Antike5 und der "alten" idealistischen und klassizistischen Künstler vergessen würde. Cornelius oder Geselschap zählen in der "Deutschen Rundschau" immer noch zu den grossen Meistern6, während eben diese Malerei in der "Neuen Rundschau" und im "Kunstwart" heftig bekämpft und als "Epigonenkunst" verurteilt wird.7 Aufgrund der rückwärtsgewandten und widersprüch-lichen Kunstauffassung nimmt die "Deutsche Rundschau" weder Stellung zu den konkurrierenden Ästhetikkonzepten der l'art- pour- l'art- Anhänger oder der Befürworter einer "Kunst für Alle", noch setzt sie sich mit der Heimatkunst oder dem "Werdandibund" auseinander. In diesem Sinne berichtet der Kritiker Walter Gensel zwar ausführlich über die Jahrhundertausstellung, behauptet jedoch seltsamerweise, dass es keine Absicht gewesen sei, dass Monumentalkunst und Historienmalerei nicht den ihr gebührenden Platz bekommen hätten.8 Daher kommt er zu dem Schluss: "Die grosse Umwälzung unseres Urteils, die manche erhofft haben mögen, hat uns die Ausstellung nicht gebracht.9 Gensel erkennt weder die "revolutionären" Intentionen der Ausstellungsmacher der Jahrhundertausstellung noch die bewusst "konterrevolutionären" Ziele einer Akademieausstellung, die gleichfalls einen hundertjährigen Rückblick über deutsche Landschaftsmaler gibt, allerdings unter Beibehaltung und Manifestierung akademischer Wertmasstäbe.10 Vorsätzlich ignorieren Gensel wie auch andere Kritiker der "Deutschen Rundschau" alle Widersprüche, die die auf der humanistischen Bildung basierende Ästhetik in Frage stellen könnten. Die mangelnde Auseinandersetzung mit den verschiedenen Strömungen in der bildenden Kunst führt daher nicht nur zu einem totalen Unverständnis gegenüber der gesamten "Moderne", sondern - trotz Kritik an der Akademie - ebenso zu einem stillschweigenden und unkritischen Festhalten an der traditionellen, am Humanismus orientierten idealistischen Kunstanschauung. Aufgrund der "vornehmen" Zurückhaltung der "Deutschen Rundschau" gegenüber allen künstlerischen Tagesereignissen können auch Rückschlüsse auf ihre Haltung gegenüber aktuellen beruflichen und sozialen Umstrukturierungsprozessen des Kaiserreichs gezogen werden. Denn die sich durch einen Wirklichkeitsverlust auszeichnende, nicht eindeutig Stellung beziehende Kunstauffassung lässt die Vermutung zu, dass es sich bei ihren Lesern um jene vor 1871 noch zum gebildeten Bürgertum zählende Gruppe handelt, der weder eine ästhetische noch eine berufliche Neuorientierung gelungen ist, über die sie sich vom aufsteigenden Neuen Mittelstand abgrenzen könnte und die in einer Form von Realitätsverweigerung am humanistischen Bildungsgut festhält. Diese Taktik der Ignorierung von Problemen und Auseinandersetzungen wird jedoch von der "Deutschen Rundschau" nicht nur im Bereich der bildenden Kunst, sondern auch in der Politik angewandt. So lenkt die "Deutsche Rundschau" von innenpolitischen Problemen ab, indem sie sich ausschliesslich auf die Aussenpolitik konzentriert. Die monatliche "Politische Rundschau" am Ende jedes Heftes informiert nur über aussenpolitische Ereignisse. Hinter der "vornehmen" Zurückhaltung der "Deutschen Rundschau" versteckt sich die Unfähigkeit, adäquat auf politische, soziale und ästhetische Entwicklungen zu reagieren und neue Perspektiven zu entwickeln. Allerdings hat die von der "Deutschen Rundschau" gepflegte Distanz gegenüber jeglichen aktuellen gesellschaftlichen Prozessen auch einen gewissen Abgrenzungseffekt. Denn mit ihrer Realitätsferne distanziert sie sich von jenen Gruppen des Alten und Neuen Mittelstandes, die aufgrund ihrer Enttäuschung, dass die frisch erworbene humanistische Bildung weder das erhoffte Sozialprestige noch die erstrebten Berufsaussichten gebracht hat, sich zunehmend in einem neuen Typus von ideologischer Gesinnungsgemeinschaft sammeln, in der aufgrund der als Verfall empfundenen Realität Ersatzziele gesucht werden. Völkisch orientierte, nationale und irrationale Ideen, wie sie beispielsweise in den Wagnervereinen11, im Werdandibund oder im Reichshammerbund vorherrschen, erleben deshalb nach der Jahrhundertwende einen raschen Aufstieg, da sie Kompensation für enttäuschte soziale Hoffnungen anbieten.12 Die "deutsche Rundschau" distanziert sich von jenen Gruppen und ihren politischen Zielen durch völlige Nichtbeachtung und grenzt sich mit dieser Taktik auch im gesellschaftlichen Bereich von den Trägern jener Bewegungen ab. Im Gegensatz zur "Neuen Rundschau" und zum "Kunstwart" mit ihrer fast offensiven Interessenpolitik zeichnet sich die "Deutsche Rundschau" eher durch Passivität und Flucht aus der Wirklichkeit aus, repräsentiert aber auch mit dieser Realitätsverweigerung eine spezielle Gruppe des Bürgertums: nämlich jene vor 1871 noch zum gebildeten Bürgertum zählenden Teile, denen die Anpassung an die aufgrund der Dynamik der Modernisierungsprozesse gesellschaftlich erforderlichen, neuen Orientierungen und Werte nicht gelungen ist und die deshalb an ihren traditionellen, aber wirklichkeitsfernen Normen und Ästhetikvorstellungen festhalten. Jede der in dieser Arbeit behandelten Rundschauen vertritt also ein ganz bestimmtes Spektrum bürgerlichen Kunstverständnisses. Daher kann nicht mehr - wie in der Literatur oft üblich - von der bürgerlichen Kultur des Kaiserreichs gesprochen werden, sondern nur noch von einzelnen bürgerlichen Teilkulturen, die der sozialen Zersplitterung der ehemals einheitlichen Formation des Bürgertums entsprechen.
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| 1) Werner Weisbach, "Die Ausstellung älterer englischer Kunst in
Berlin". DRu Mai 1908, S.192-202; ders., "Die Ausstellung von Werken
französischer Kunst des 18. Jahrhunderts in der Berliner Akademie". DRu
April 1910, S.126-139. 2) Willy Pastor, Der neue Stil. DRu März 1899, S.451-458. 3) Herman Grimm, Zum siebzigsten Geburtstage Arnold Böcklin's. DRu Oktober 1897, S.51-69; ders., Das zweihundertjährige Bestehen der königlichen Akademie der Künste zu Berlin. DRu Mai 1896, S.244-263, bes. S.255 ff; Isolde Kurz, Adolf Hildebrandt. Zu seinem sechzigsten Geburtstage. DRu Oktober 1907, S.105-129; Mela Escherich, Hans Thoma. Zu seinem siebzigsten Geburtstag. DRu Oktober 1909, S.29-36. 4) Walter Gensel, Puvis de Chavannes. DRu 1897, S.278 ff; Eugen Zabel, Erinnerungen an W. W. Weretschagin. DRu September 1904, S.436-57; Adolf Menzel. Erinnerungen von Paul Meyerheim. DRu Dezember 1905, S.388-408, Januar 1906, S.47-72. 5) Adolf Furtwängler, Über griechische Kunst. DRu April 1905, S.45 59; ders., Zur Einführung in die griechische Kunst. Aus dem Nachlass von Adolf Furtwängler. DRu Februar 1908, S.235-260, März 1908, S.357 379. 6) Herman Grimm, Friedrich Geselschap. DRu Juli 1898, S.143-144; vgl. auch den Nachruf von Walter Gensel, Herman Grimm. Persönliche Erinnerungen. DRu Oktober 1901, S.134-140, bes. S.139. 7) Vgl. dazu den Kommentar in der "Neuen Rundschau": NRu 9.Jg. 1898, S.876. 8) Walther Gensel, Ein Jahrhundert deutscher Malerei. DRu April 1906, S.108-125 und Mai 1906, S.267-285, hier: S.109. 9) ebd. S.285. 10) Walther Gensel, Die Ausstellung von Werken deutscher Landschafter. DRu September 1905, S.462-466, bes. S.463. 11) Die Wagnervereine müssen als Sammelpunkte des aufsteigenden Neuen Mittelstandes bezeichnet werden, in denen die ehemals bildungsbürgerlichen Schichten kaum zu finden sind; siehe: Veit Veltzke, Vom Patron zum Paladin. Wagnervereinigungen von der Reichsgründung bis zur Jahrhundert-wende. Bochum 1987. 12) Vgl. dazu: Bernd Zymek, Jugendgenerationen zwischen bürokratischem Bildungssystem und charismatischen Erneuerungsbewegungen. in: Bildung und Erziehung 38 (1985), Heft 2, S.190.
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