4.6. Exkurs II:  Der Theaterverein "Freie Bühne".

 

Im Sommer 1889 konstituiert sich in Berlin der Theaterverein "Freie Bühne". Im Gründungsaufruf heisst es: "Uns vereinigt der Zweck, unabhängig von dem Betriebe der bestehenden Theater und ohne mit diesen in einen Wettkampf einzutreten, eine BÜHNE zu begründen, welche FREI ist von den Rücksichten auf Theaterzensur und Gelderwerb. ...

Sowohl in der Auswahl der dramatischen Werke als auch in ihrer schauspielerischen Darstellung sollen die Ziele einer der Schablone und dem Virtuosenthum abgewandten, lebendigen Kunst angestrebt werden. In dieser Absicht ist der Verein "Freie Bühne" gestiftet worden, dessen Aufführungen nur den Mitgliedern des Vereins zugänglich sein werden."1

Mit der Gründung dieses privaten Theatervereins wird in Berlin ein Forum vor allem für deutsche naturalistische Theaterstücke geschaffen, ohne die üblichen Eingriffe der Zensurbehörden fürchten zu müssen. Zu den ersten Stücken gehören "Vor Sonnenaufgang" und "Das Friedensfest" von Gerhart Hauptmann, "Die Familie Selicke" von Johannes Schlaf sowie die "Gespenster" von Henrik Ibsen und "Die Macht der Finsternis" von Tolstoj.2

Der Verein besteht allerdings nur für kurze Zeit. Schon 1892 finden keine Vereinsaufführungen mehr statt, eine Nachricht, die in der Zeitschrift "Freie Bühne" publiziert wird.3 Begründet wird die Einstellung der Vorführungen mit der Tatsache, dass naturalistische Stücke jetzt auch schon an den ständigen Bühnen gespielt werden und der kämpferische Auftrag damit erfüllt sei. An Stelle der Aufführungen will man den Kontakt zwischen den Mitgliedern nun durch Publikationen halten, so dass die Zeitschrift "Freie Bühne" weiterhin eine wichtige Rolle als Kommunikationsmittel der Vereinsmitglieder einnimmt.

Vom Verein "Freie Bühne" existieren zwei Mitgliederlisten vom 30. Juni 1889 und vom 1. Januar 1990,4 aufgrund derer eine soziale Verortung der Mitglieder erstellt werden kann. Zwar sind Rückschlüsse vom Theaterverein "Freie Bühne" auf die Zeitschrift "Freie Bühne" nur bedingt möglich, weil der Verein sich in erster Linie auf Berlin beschränkt und daher vor allem der Anteil von Kunstproduzenten überproportional hoch ist. Da aber die Zeitschrift zunächst als eine Art Presseorgan des Vereins geplant ist, können trotzdem Hinweise auf die soziologische Struktur der Leser erwartet werden.

Das erste Mitgliederverzeichnis stammt vom 30. Juni 1889, vor der ersten Aufführung vom 20. Oktober 1889, von einem Zeitpunkt also, an dem der Verein noch nicht eine so grosse Publizität hat und sich auf einen kleinen Kreis von "Eingeweihten" beschränkt. Insgesamt sind 354 Mitglieder aufgeführt, davon 104 Frauen (=29,4%), von denen 29 ohne Ehepartner eingetragen sind. Es handelt sich bei diesem Verein damit ganz klar um einen respektablen, ehrbaren Geselligkeitsverein, der von unverheirateten "Fräuleins"  (11) besucht werden kann.5

44% (=156) der Mitglieder sind eindeutig dem gebildeten Bürgertum zuzurechnen, da sie entweder einen Doktortitel tragen oder Künstler, Beamte, Professionals, Redakteure, Rentiers oder Inhaber politischer oder diplomatischer Ämter sind. Abgesehen von einem Premier - Leutnant, einem Bauführer und einem Oberförster sind die restlichen Mitglieder wegen fehlender Berufsangaben nicht eindeutig einzuordnen. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass auch die weiblichen Mitglieder ohne Berufsangaben sowie die Studenten (=9) grösstenteils zum gebildeten Bürgertum zählen. Zu beachten ist ebenfalls die Tatsache, dass offensichtlicherweise oft mehrere Familienmitglieder dem Verein "Freie Bühne" angehören. Wenn die Familien, von denen mindestens eine Berufsangabe aufgeführt ist, der gleichen sozialen Schicht zugerechnet werden, wie der oder die beruflich Identifizierte, dann sind insgesamt mindestens 54,8% (=194) der Mitglieder dem gebildeten Bürgertum zuzuordnen. Wahrscheinlich ist dessen Anteil sogar noch höher, da keine kleinbürgerlichen Berufskarrieren aufgeführt sind – die drei Lehrer besitzen alle einen Doktortitel - und einige Namen auf Angehörige der jüdischen Intelligenz hinweisen.6

Auffällig ist auch der hohe Prozentsatz (13,8%) an künstlerischen Berufen, vor allem an Schauspielern/innen, Schriftstellern/innen und Kritikern. Dazu kommen wichtige mit der Kunstverwaltung bzw. -organisation Beschäftigte: die Direktoren des Königlichen Schauspielhauses, des Berliner Theaters und des Residenztheaters, der Königlichen Akademie der Künste und des Kunst-gewerbe - Museums7 sowie der Avantgardegalerist Fritz Gurlitt. Man kann daher sicher davon ausgehen, dass sich der Theaterverein "Freie Bühne" aus der kulturellen Elite Berlins rekrutiert.

Ein Vergleich mit der zweiten Mitgliederliste vom 1.1.1890 zeigt deutlich den Erfolg des neuen Theatervereins. Es sind kaum Austritte zu verzeichnen und die Mitgliederzahl erhöht sich auf 948, von denen 253(= 26,7%) Frauen sind. Eine Analyse dieser zweiten Liste ist zwar schwieriger, da die Berufsangaben spärlicher werden, aber auch hier können noch 267 (= 28,2%) Mitglieder eindeutig dem gebildeten Bürgertum zugerechnet werden, von denen 6,3% künstlerische Berufe ausüben. Ausserordentlich erhöht hat sich die Zahl der Studenten auf 155(= 16,4%), wobei die Familiennamen darauf schliessen lassen, dass Eltern oft zusammen mit ihren Söhnen (weniger oft mit ihren unverheirateten Töchtern) eintreten.

Abgesehen von drei Kommerzienräten mit ihren Ehefrauen, zwei Bauführern und einem Oberförster  werden keine nicht bildungsbürgerlichen Berufe genannt. Ausser zwei Lehrern können ebenso keine kleinbürgerlichen Berufslaufbahnen gefunden werden. Offensichtlich scheint sich also in dem Verein "Freie Bühne" die künstlerische und gesellschaftliche Elite des Berliner Bürgertums versammelt zu haben.

Es ist wahrscheinlich, dass die Leserschaft der Zeitschrift aufgrund der engen Zusammengehörigkeit mit dem Verein der gleichen sozialen Schicht zuzuordnen ist.8  Da zwar keine Abonnentenlisten mehr existieren, aber die Verbindung der Zeitschrift mit dem Verein während der ersten zweieinhalb Jahre ihres Bestehens sehr eng ist, können anhand der Zusammensetzung der Mitgliedschaft im Verein Rückschlüsse auf die Leserschaft der Zeitschrift gezogen werden, die selbstverständlich nicht verallgemeinert werden dürfen, da der Verein hauptsächlich auf Berlin beschränkt ist. Aber auch die Gründung der "billigen Freien Volksbühne" für das "Volk"9, deren Publikum "sich vornehmlich aus kleinen Handwerkern, Geschäftsleuten und Kaufmannsgehilfen"10 zusammensetze, weist darauf hin, dass sich die neue Rundschauzeitschrift eher an das gebildete Bürgertum wendet. Daher ist mit grosser Sicherheit anzunehmen, dass sich die Leserschaft der "Freien Bühne / Neuen Rundschau" aus einem "als das gebildete Bürgertum und das bürgerliche Künstlertum zu bezeichnenden Kreis"11 rekrutiert hat.  

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1)  Aufruf des Vorstandes (Otto Brahm, Paul Jonas, Samuel Fischer) des Vereins "Freie Bühne". wiederabgedruckt in: S. Fischer, Verlag. Von der Gründung bis zur Rückkehr aus dem Exil. Ausstellungskatalog des Deutschen Literaturarchivs im Schiller- Nationalmuseum Marbach am Neckar. Stuttgart 1985, S.32.

2)  Zirkular des Vorstandes des Vereins "Freie Bühne" vom 7.Juni 1890. wiederabgedruckt in: ebd., S.45.

3)  Der Freien Bühne drittes Jahr. Abdruck eines Rundschreibens des Vereinsvorstandes. FB. 2.Jg. 1891, S.651-652.

4) Zirkular vom 7.6.1890. wiederabgedruckt in:  S. Fischer, Verlag. S.34-44.

5)  Auf die wichtige Rolle der Frauen beim Engagement für Kultur kann in diesem Zusammenhang nicht eingegangen werden. Verwiesen sei jedoch auf die Arbeit von Marion Kaplan, Freizeit - Arbeit. Geschlechterräume im deutsch- jüdischen Bürgertum 1870-1914. in: Ute Frevert (Hrsg.), Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert. Göttingen 1988, S.157-174.

6)  Auch die Zugehörigkeit vieler Juden zum Verein "Freie Bühne" ist insofern typisch, als dass später viele Sammler impressionistischer und expressionistischer Werke jüdischer Herkunft sind. -  Zur Teilnahme der erstaunlich hohen Zahl von Juden an avantgardistischen Bewegungen vgl: Shulamit Volkov, Die Verbürgerlichung der Juden in Deutschland. Eigenart und Paradigma. in: J. Kocka (Hrsg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich.  München 1988, Bd.2, S.343-371; dies.: Jüdische Assimilation und jüdische Eigenart im deutschen Kaiserreich. in: Geschichte und Gesellschaft 9, 1983, S.331-348.

7)  Das sind: Anton Anno, Ludwig Barnay, Adolf L'Arronge, Josef Joachim und Julius Lessing.

8)  Dieser Rückschluss vom Verein auf die Zeitschrift kann natürlich keine soziologische Analyse ersetzen, die jedoch aufgrund der Vernichtung des Redaktionsarchivs nicht mehr möglich ist.

9)  Bruno Wille, Voss.Ztg. v.30.7.1890. zitiert nach: Hyun-Back Chung, Arbeiterkulturbewegung, S.31.

10)  Voss.Ztg. v.20.10. 1890. zitiert nach: Chung, Arbeiterkulturbewegung. S. 69.

11)  Wolfgang Grothe, Zur gesellschaftlichen Struktur des Mitarbeiter und Leserkreises von S. Fischers "Neuer Rundschau". in: Publizistik 6 (1961), S.164-173, hier: S.166f.