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4.4. Exkurs I: Der "Dürerbund".
Im September 1901 wendet sich Ferdinand Avenarius in einem Aufruf an die Leser seines "Kunstwarts", um zur Gründung des "Dürerbundes" aufzurufen. Gegenstand und Ziel dieses Bundes soll die "Pflege des ästhetischen Lebens", die Verbreitung einer das ganze - auch das alltägliche – Leben umfassenden "Ausdruckskultur" und die Erziehung des Volkes zu einer nationalen, deutschen Kunst sein.1 Avenarius lädt alle "Freunde einer wahrhaft ästhetischen Kultur2 ein, mit dem "Dürerbund" eine ihnen adäquate politische Interessenvertretung zu bilden, eine "tatkräftige Partei der Unparteilichen aus allen Fraktionen3, um aktiv Kulturpolitik betreiben zu können. Schon 1902 wird im "Kunstwart" die Gründung des "Dürerbundes" verkündet. Erster Vorsitzender wird Ferdinand Avenarius. Dem "Dürerbund" können Einzel- und korporative Mitglieder angehören.4 Vor allem die Einzelmitglieder rekrutieren sich mit grosser Wahrscheinlichkeit aus der "Kunstwartgemeinde", da der Gründungsaufruf über den "Kunstwart" verbreitet wird und da in beiden Organisationen sowohl die Inhalte als auch die Art und Weise der Darbietung von Ideen übereinstimmen. Die enge Verknüpfung von "Kunstwart" und "Dürerbund" erlaubt es, über die Mitglieder des Bundes Rückschlüsse auf die soziologische Verortung der Leser des "Kunstwarts" zu ziehen, denn die Bezieherlisten der Zeitschrift selbst existieren nicht mehr. Zwar datieren die Angaben über den "Dürerbund" erst aus dem Jahr 1905, aber im 19. Jahrhundert ist die Abonnentenzahl des "Kunstwarts" noch sehr niedrig und steigt bis 1897 nur unwesentlich, so dass Aussagen nur aus der Zeit der Massenwirksamkeit des "Kunstwarts" gerechtfertigt erscheinen.5 Obwohl der "Kunstwart" als "theoretisches" Organ des Dürerbundes bezeichnet werden kann6, wird zusätzlich noch ein besonderes Mitteilungsheft herausgegeben, das "Dürerblatt". Für die Jahre 1905 und 1907 werden in dieser Zeitschrift Mitgliederverzeichnisse abgedruckt, von denen allerdings das letzte unvollständig ist und daher unberücksichtigt bleibt.7 Die folgenden Angaben beziehen sich nur auf die erste Mitgliederliste des Jahres 1905. Ohne korporative Mitglieder zählt der "Dürerbund" in Deutschland und Österreich im Jahr 1905 insgesamt 3131 Einzelmitglieder, von denen 518 (=16,54%) Frauen sind. Ungefähr 70% dieser Mitglieder haben eine Berufsbezeichnung angeführt, so dass auf dieser Grundlage eine soziologische Analyse des Dürerbundes möglich ist. Der "Dürerbund" wird eindeutig von Lehrern dominiert mit 634 (=20,25%) männlichen und 101 (=7,25%) weiblichen Lehrkräften, von denen weit über die Hälfte Volksschullehrer sind. Nur 35 Lehrer verzeichnen einen Doktortitel. Zu diesen Zahlen müssen noch 3 Lehrerehefrauen gerechnet werden. Die zweitgrösste Berufsgruppe stellen die Geistlichen beider Konfessionen einschliesslich zweier Ehefrauen mit 229 (=7,31%) Nennungen. Da vor allem Lehrerlaufbahnen sowie das katholische Pfarramt, weniger stark das evangelische, typische Aufsteigerkarrieren für den Neuen und Alten Mittelstand sind, kann der grösste Teil dieser beiden Berufsgruppen dem Kleinbürgertum zugezählt werden. Zu den Angestellten und niederen und mittleren Beamtenlaufbahnen lassen im "Dürerbund" 175 (=5,59%) männliche und 15 (=0,48%) weibliche Mitglieder zuordnen. Bei diesen Berufsgruppen überwiegen Kaufleute, Buchhändler und Laufbahnen bei Post und Bahn. Eine weitere grosse Gruppe stellen die Schüler, Studenten und Referendare mit 440 (=14,05%) Personen. Eher schwach repräsentiert ist dagegen das gebildete Bürgertum. Die hohen Beamtenlaufbahnen sowie die Professionen8 machen inklusive der Ehefrauen nur 14,47% (=463) der Mitglieder aus, wobei eventuell zu dieser Gruppe noch 99 Männer und 14 Ehefrauen (insg.=3,6%) mit einem Doktortitel, aber ohne Berufsangabe gezählt werden müssten. Wirtschaftsbürgertum, Landwirte und Militär sind dagegen kaum vorhanden. Auch die künstlerischen Berufe beschränken sich auf einen Anteil von 3,13%. Auf der Grundlage dieser groben Analyse können mit Sicherheit ca. 35% der Mitglieder des "Dürerbundes" zum Alten oder Neuen Mittelstand gerechnet werden. Erstaunlich ist vor allem die hohe Zahl von Lehrern und Pfarrern, zwei Berufsgruppen, die im Theaterverein "Freie Bühne" fast vollkommen fehlen.9 Beachtenswert in diesem Zusammenhang ist auch die grosse Beteiligung von Lehrerinnen und weiblichen Angestellten, da im Verein "Freie Bühne" ausser Künstlerinnen keine berufstätigen Frauen aufgeführt werden. Lehrern und Pfarrern kommt im Rahmen der "Dürerbund"- Politik noch eine besondere Rolle als Multiplikatoren besonders in Kleinstädten und Dörfern zu, wo sie oft die einzigen Mitglieder sind.
Da grundsätzlich davon ausgegangen werden
kann, dass die soziologische Aufschlüsselung des "Dürerbundes" in etwa
der des "Kunstwarts" gleicht, können Rückschlüsse auf die soziale
Zusammensetzung der Leserschaft der Rundschauzeitschrift gezogen werden.
Analog der Mitglieder des "Dürerbundes" wird sich der grösste Teil der Leser
des "Kunstwarts" aus dem Alten und Neuen Mittelstand rekrutieren, ein
Ergebnis, das der inhaltlichen Ausrichtung der Zeitschrift entspricht.
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1) Ferdinand Avenarius, Zum Dürer- Bunde! Ein Aufruf. Kw 14.Jg. 1900/01, Heft 24, S.469-474, hier: S.471. 2) ebd. S.472. 3) Ferdinand Avenarius, Kw 22.Jg. 1908/09, Heft 1, S.1; vgl. auch: Ferdinand Avenarius, Kunstpolitik. Kw 15.Jg. 1901/02, Heft 19, S.281 284. 4) Ferdinand Avenarius, Der Dürerbund ist gesichert! Kw 15.Jg. 1901/02, Heft 2, S.75-76; ders., Wie richten wir den Dürerbund ein? Kw 15.Jg. 1901/02, Heft 14, S.49-53; siehe auch: Kratzsch, Kunstwart und Dürerbund. S.336 ff. 5) November 1887: 260 Abonnenten Dezember 1887: 295 " Dezember 1888: 582 " Februar 1889: 640 " Sommer 1889: 680 " 1897: 1000 " 1900: 8000 " 1903: 20000 " 1904: 22000 " (= Höhepunkt). Angaben aus: Krause, Kunstwart. S.219. 6) Kratzsch, Kunstwart und Dürerbund, S.336. 7) Mitgliederverzeichnis des Dürerbundes für das Jahr 1905. "Dürerblätter" 9 (1905), S.106-165. 8) Zu den akademischen freien Berufen werden hier in erster Linie Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten und Ingenieure gezählt. Zur Problematisierung des Begriffs vgl: Charles E. McClelland, Zur Professionalisierung der akademischen Berufe in Deutschland. in: Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert. Hrsg.v. W.Conze/ J.Kocka, Stuttgart 1985, S.233-247. 9) Siehe: Exkurs II: Die "Freie Bühne". |