4.2. Die "Deutsche Rundschau"

 

Realismus als neues Ästhetikideal wird in den achtziger Jahren vorerst nur von einer Minderheit vertreten; repräsentativ für  den grössten Teil des gebildeten  Bürgertums ist immer noch die "Deutsche Rundschau" mit ihrem idealistisch/ klassizistisch ausgerichteten Kunstverständnis. Zwar verliert die "Deutsche Rundschau" 1888 nach einem Streit mit Bismarck um die Veröffentlichung der Tagebücher Friedrichs III. etwas an Ansehen und Bedeutung, was sich in einem Rückgang der Auflage von 10.000 auf 5.000 Exemplare auswirkt1, aber Rodenberg kann weiterhin über einen exklusiven Mitarbeiterstab verfügen, so dass die "Deutsche Rundschau" immer noch als repräsentativer Veröffentlichungsort gelten kann. In diesem Sinne kommt auch Karl Ulrich Syndram in einer Analyse der Autoren der "Deutschen Rundschau" zwischen 1884-1894 zu dem Ergebnis, dass diese sich überwiegend aus der Kultur- und Verwaltungselite des gebildeten Bürgertums rekrutieren: Über 70% der Mitarbeiter führen einen akademischen Titel (45% einen Professorentitel, knapp 28% einen Doktorgrad, inklusive einiger Ehrendoktoren) und arbeiten vor allem an Hochschulen, Akademien, Museen, Bibliotheken, Ministerien und in der Justiz.2 Natürlich ist bei einer Extrapolation der Autorensoziologie Vorsicht geboten, aber trotzdem lassen die Angaben über die Mitarbeiter Rückschlüsse auf das Publikum zu; denn sowohl die Fachsprache als auch der wissenschaftliche Charakter der Artikel setzen eine höhere Bildung beim Leser voraus und eine - nachfolgende - Analyse der Inhalte der Texte selbst unterstützt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ebenfalls das Publikum vor allem aus dem gebildeten Bürgertum rekrutiert.

Trotz der exklusiven Autorenliste muss die "Deutsche Rundschau" jedoch aufgrund des Streits mit Bismark nach 1888 einen Rückgang der Auflage verzeichnen, was auf quantitativer Ebene die Repräsentativität der Zeitschrift als Vertreterin einer sich am Idealismus orientierenden bürgerliche Mehrheit relativiert; aber der Erfolg von anderen idealistisch ausgerichteten Zeitschriften zeigt deutlich die breite Verankerung dieser Kunstauffassung. So weist beispielsweise die 1885 in München von Friedrich Pecht gegründete Kunstzeitschrift "Kunst für Alle" schon nach 3 Jahren eine Auflage von über 15.000 Exemplaren auf.3

Künstlern wie Leibl und seinem Kreis oder Uhde und Liebermann steht man in der "Deutschen Rundschau", in "Kunst für Alle" oder auch in den "Grenzboten" ablehnend gegenüber, da ihre Malerei nicht mit dem durch die klassische humanistische Bildung vermittelten, idealistischen Ästhetikverständnis übereinstimmt.4 Mitte der achtziger Jahre wird der Inhalt immer noch für wichtiger gehalten als die Form. Die Forderung nach ausschliesslicher Darstellung des Schönen, Wahren und Guten wird mit gleicher Vehemenz erhoben wie in den Gründerjahren, während der Realismus, gemeint ist die Darstellung des "Hässlichen", mit ebensolcher Heftigkeit verurteilt wird.5 Allerdings erfährt Arnold Böcklin in der "Deutschen Rundschau" langsam eine grössere Akzeptanz. Denn auch in der Phantasiekunst könne eine  "innere Wahrheit" gefunden werden, so dass diese Stilrichtung als mögliche Alternative zum Realismus angesehen wird.6

Doch trotz des unbeirrten Festhaltens am idealistischen Ästhetikkonzept ist in der "Deutschen Rundschau" im Bereich der bildenden Kunst auch ein Krisenbewusstsein und eine wachsende Unsicherheit bezüglich der Aushöhlung der humanistischen Werte und Normen feststellbar.7 Dies äussert sich vor allem in zunehmender Kritik an der künstlerischen Massenproduktion und am Massenkonsum von Kunst. Für beide Phänomene wird in erster Linie der Staat verantwortlich gemacht, da er nur an einem qualitativen Wachstum des Kunstmarktes interessiert sei, nicht jedoch an einer Verbesserung der künstlerischen Qualität.8 Gleichzeitig, so wird weiter konstatiert,  öffne die staatliche Kunstpolitik aber auch den Massen Tür und Tor im Bereich der bildenden Kunst. "Das rohe Bedürfnis ästhetisch roher Kreise nach reichem ornamentalen Schmucke ihrer Existenz ist das Massgebende für die künstlerische Produktion. Diese Leute wollen oft weniger selbst geniessen, als vielmehr die Genugthuung haben, dass sie die Besitzer von Kunstwerken sind, welche von Anderen bewundert werden.9 In diesem Sinne wird ebenso das Konzept einer "volkstümlichen" Kunst abgelehnt, so wie es in "Rembrandt als Erzieher" vertreten wird: " 'Verstand ist stets bei Wenigen gewesen', und ebenso Kunstverständnis. Die Lebensäusserungen grosser Individualitäten nachzuempfinden ist wahrlich nicht die Sache der Masse, und das liegt nicht etwa an der "falschen Bildung" unserer Zeit, ... sondern es ist im Wesen der Kunst aufs tiefste begründet.10 Diese in der "Deutschen Rundschau" veröffentlichten kulturkritischen Stellungnahmen unterstützen gleichzeitig die von Fritz Ringer aufgestellte These, dass die von den deutschen Mandarinen vertretene Theorie des Kulturverfalls in erster Linie Ausdruck ihrer eigenen Unzufriedenheit über den als drohend empfundenen Verlust ihrer sozialen Stellung und ihres gesellschaftlichen Einflusses ist.11

Neben der Betonung des elitären Charakters "richtiger" Kunstkennerschaft wird aus dem konstatierten qualitativen und sozialen Verfall der bildenden Künste in der "Deutschen Rundschau" die erstaunliche und angesichts des grossen Erfolges der Kunstzeitschrift "Kunst für Alle" auch kommerziell unkluge Konsequenz gezogen, sich weniger mit der zeitgenössischen Kunst zu beschäftigen. Zwischen 1886 und 1893 findet sich kein einziger Ausstellungsbericht vom Berliner Salon, nur ein Artikel vom Münchener Glaspalast12 und je ein Essay über Böcklin und Uhde13. Mit diesen Aufsätzen erschöpft sich die Auseinandersetzung mit der aktuellen Kunstproduktion. Bezeichnenderweise werden diese Artikel zudem nicht von speziellen Kunstberichterstattern geschrieben, sondern z.B. von dem Theologen Adolf Hausrath oder von dem hauptsächlich für den Literaturteil der "Deutschen Rundschau" arbeitenden Germanisten Herman Grimm. 

Nach 1886 wird dagegen der neue Schwerpunkt der "Deutschen Rundschau" auf kunsthistorische Berichte und allgemein kulturelle Essays gelegt, die von so angesehenen  Mitarbeitern  wie beispielsweise Wilhelm Dilthey, Moritz Carrière, Wilhelm Wundt oder Emil du Bois - Reymond geliefert werden. Auch in den "Grenzboten" ist eine ähnliche Entwicklung festzustellen, da die aktuelle Ausstellungsberichterstattung ebenfalls zu Gunsten von kunsthistorischen Essays abnimmt. Im Gegensatz zu den beiden Rundschauen werden in der Zeitschrift "Kunst für Alle" kunsthistorische Studien nicht gepflegt, zumal Pecht, wie schon der programmatische Titel nahe legt, ein breiteres Publikum ansprechen will und sich eben gerade nicht ausschliesslich an die "Höchstgebildeten" wendet. Die neue Wertschätzung der Kunstgeschichte in der "Deutsche Rundschau" wie in den "Grenzboten" muss daher als ein Versuch angesehen werden, sowohl dem reinen Kunstkonsum zu entgehen als auch sich auf diese Weise unter Beibehaltung der humanistischen, inhaltsorientierten Ästhetik von den "Massen" abzugrenzen.

Die Ausblendung aktueller Entwicklungen im Bereich der bildenden Kunst, das zähe Festhalten an der idealistischen Ästhetik und die Konzentration auf kunsthistorische Themen sind jedoch keine marginalen Erscheinungen. Das Beharren auf der ausschliesslichen Gültigkeit der klassischen humanistischen Bildung entspricht der gleich-zeitigen Verweigerung und Abschottung eines Teils des gebildeten Bürgertums gegenüber neuen Bildungsinhalten an Schulen und Universitäten und - damit zusammenhängend – gegenüber neuen Berufslaufbahnen. Die "Deutschen Rundschau" und ihre Leser reagieren in ähnlicher Weise auf die von ihnen empfundene zunehmende Aushöhlung klassischer bürgerlicher Werte und Normen nicht mit einem völkisch - radikalen Nationalismus wie die "Gesellschaft", sondern praktizieren einen Rückzug auf altbekannte, humanistische Werte und Normen, einen Rückzug nach Innen.  

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1)  Haacke, Deutsche Rundschau, S. 67 und S.118 ff.

2)  K.U. Syndram, Rundschauzeitschriften, S.352.

3)  Vgl.: Klaus Achim Hübner: Die "Kunst für Alle". Ein Beitrag zur Geschichte der Kunstzeitschrift. Diss. Berlin 1954.

4)  Der berühmte Artikel von Emil Heilbutt in "Kunst für Alle", der zum ersten Mal ausführlich die Bedeutung Max Liebermanns würdigt, bleibt eine Ausnahme, zumal sich die Redaktion in einer Anmerkung ausdrücklich von dieser Studie distanziert. Hermann Helferich (=Emil Heilbutt), Studie über den Naturalismus und Max Liebermann. KfA 2.Jg. 1887, Heft 14, S.209-214 und Heft 15, S.225-229.

5)  Vgl. z.B. Herman Grimm. Die Berliner Jubiläumsausstellung. Erinnerungsblätter. III. Die Gemälde. DRu 13.Jg. Dezember 1886, S.420-433;  Adolf Hausrath, Realismus oder Pessimismus? Laienbetrachtungen im Münchener Glaspalaste. DRu 16.Jg. März 1889, S.457-461; Otto Knille, Grübeleien eines Malers über seine Kunst. Teil I. DRu 13.Jg. August 1886, S. 239-259, Teil II., Sept. 1886, S.414-436; ders.: Neue Grübeleien eines Malers. DRu 16.Jg. November 1889, S.278-288.

6)  Berliner Kunst- Freunde, Böcklin's neustes Gemälde. DRu 14.Jg. Juni 1887, S.469-471, hier: S.471. - In der Zeitschrift "Kunst für Alle" beginnt man erst Mitte der neunziger Jahre Böcklin anzuerkennen: Friedrich Pecht, KfA 10.Jg. 1894, Heft 1, S.1.

7)  Grundsätzliche Überlegungen finden sich in einem Essay von Wilhelm Dilthey, Die drei Epochen der modernen Ästhetik und ihre heutige Aufgabe. DRu 19.Jg. August 1892, S.200-236. Als Grundtenor ist dieser Kulturpessimismus jedoch in fast allen Aufsätzen vorhanden.

8)  Herman Grimm, Jubiläumsausstellung. DRu 13.Jg. Dezember 1886, S.421; Berliner Kunst- Freunde, Berliner Kunstausstellung. DRu 16.Jg. Juli 1889, S.131.  Dagegen distanziert sich die Redaktion der "Deutschen Rundschau" ausdrücklich von einem Artikel von Otto Knille, der dem Staat noch mehr Einfluss zusprechen will. DRu 13.Jg. August 1886, S.239, Anmerk. 1.

9)  Berliner Kunst- Freunde, Die Grosse Berliner Kunstausstellung von 1893. DRu 20.Jg. Juli 1893, S.123-133, hier: S.125; vgl. auch: Grimm, Jubiläumsausstellung, S.421 f; und: Knille, Neue Grübeleien, S.285.

10)  Otto Seeck, Zeitphrasen. I./II. DRu 18.Jg. Juni 1891, S.407-421; Teil III./IV.  Juli 1891, S.86-104;  Teil V. August 1891, S.230-240, hier: S.418.

11)  F. Ringer, Die Gelehrten, S.229 ff.

12)  Adolf Hausrath, Realismus oder Pessimismus?  DRu 16.Jg. März 1889, S.458 ff.

13)  Herman Grimm, Armeleutemalerei. DRu 20.Jg. September 1893, S.434 438.