2.2. Rundschauzeitschriften als Spiegelbild         

bürgerlicher Öffentlichkeit                            

 

Ein recht getreues Abbild der politischen und kulturellen Meinungsbildung der bürgerlichen Öffentlichkeit - auch im Bereich der bildenden Kunst - liefern die so genannten Rundschauzeit-schriften. Dieses Selbstverständnis, als Nationaljournal ein Spiegel des geistigen Lebens im Deutschen Reich zu sein, zeigt sich am deutlichsten in der führenden Rundschauzeitschrift der ersten beiden Reichsgründungsjahrzehnte, in der "Deutschen Rundschau". So heisst es auch in ihrem Gründungsprospekt:  "Die Deutsche Rundschau ... ist aus der allgemeinen Erkenntnis, dass es der Gesamtheit der deutschen Kulturbestrebungen an einem repräsentativen Organ fehle, hervorgegangen... Demgemäss unternimmt es die Deutsche Revue, nicht etwa nur eine Spezialität unseres geistigen Lebens zu berücksichtigen, sondern in systematischer und planmässig gegliederter Vereinigung eine Darstellung dessen zu versuchen, was der deutsche Geist überhaupt ist und vermag.

Deutschland fehlt eine Zeitschrift, welche dadurch, dass sie jene mannigfachen Elemente der heutigen Bildung zusammen in sich begreift, einen Überblick über den ganzen Umfang derselben ermöglicht und einem Bedürfnis der hochgebildeten Kreise unserer Nation entgegen kommt, welches bisher noch nicht befriedigt worden ist.

Aber indem wir es für notwendig erachten, an dieser Stelle zu betonen, dass die Deutsche Revue keine andere Tendenz verfolgen wird, als diejenige: deutsch zu sein, glauben wir doch auch hervorheben zu sollen, dass ihr nichts ferner liegen kann als Einseitigkeit. Sie wird Unterhaltung in der edelsten Form bieten und zugleich den wissenschaftlichen Fragen, den politischen, literarischen und künstlerischen Vorgängen mit der grössten Aufmerksamkeit folgen. In keiner Weise wird sie dem Dilettantismus Vorschub leisten.1

Zu den wichtigsten Rundschauzeitschriften der siebziger Jahre mit einem ähnlichen Selbstverständnis zählen neben der "Deutschen Rundschau" (1874-1964) die  "Grenzboten" (1841-1922), die "Gegenwart" (1872-1931) und "Nord und Süd" (1877- 1920). Grosses Ansehen geniessen auch die 1858 von Max Duncker und Rudolf Haym gegründeten "Preussischen Jahrbücher" (1858-1935). Das Schwergewicht der zunächst noch liberalen, dann eher freikonservativen "Preussischen Jahrbücher" liegt, wie auch bei den "Grenzboten", auf einer staatswissenschaftlich- politischen Berichterstattung. Die "Preussischen Jahrbücher" werden in dieser Arbeit jedoch nicht weiter berücksichtigt, da ihre Abonenntenzahl zu klein (1700 2800) und der Kreis ihrer sich hauptsächlich aus Beamten- und Universitätskreisen zusammensetzenden Leser zu eng ist.2

Neben den "Preussischen Jahrbüchern" sind die schon 1841 von Ignaz Kuranda ins Leben gerufenen "Grenzboten" die einzige schon vor der Reichsgründung existierende Rundschauzeitschrift. Unter der Leitung von Gustav Freytag entwickeln sich die "Grenzboten" vor 1871 zum wichtigsten Presseorgan der national- liberalen, protestantischen Bildungsschicht. 1866 beginnt sich ein pro- Bismarck- Kurs in den "Grenzboten" bemerkbar zu machen, was sich nach 1878 mit der Übernahme der Redaktion durch den Bismarck-Freund Moritz Busch in einem Bruch mit den Nationaliberalen auswirkt. Das Blatt stellt sich nun bedingungslos hinter den Reichskanzler und wird zu einem gouvernemental- konservativen Organ, womit sich die "Grenzboten" der einseitigen Parteienpresse annähern.3

Bei der 1872 von Paul Lindau gegründeten und von ihm bis 1881 geführten "Gegenwart"4 ist dagegen eine Nähe zur Tagespresse festzustellen. Als Wochenschrift beschäftigt sich die "Gegenwart" mehr mit aktuellen Ereignissen; das aufgrund der kürzeren Erscheinungsabstände geringere Volumen verbietet es gleichzeitig, längere Artikel oder gar ganze Romane oder Novellen abzudrucken, wie dies in der "Deutschen Rundschau" gepflegt wird. Dafür sind die Berichte oft wesentlich meinungsfreudiger als in der übrigen Rundschau-presse.5 Im politischen Bereich ist dagegen oft eine einseitige Befürwortung von Bismarks Politik festzustellen, die vor allem durch den Bruder Paul Lindaus, Rudolf Lindau, vermittelt wird, der zunächst als Presseattaché‚ in Paris, dann ab 1877 als Pressedezernent Bismarks arbeitet.6

Die erst 1877 gegründete zweite Lindau- Zeitschrift "Nord und Süd"  steht dagegen mit ihren unterhaltenden Artikeln an der Grenze zur Familienzeitschrift. Obwohl es Lindau gelingt, Rodenberg mehrere Mitarbeiter abzuwerben, behauptet "Nord und Süd"  nicht das elitäre wissenschaftliche Niveau der "Deutschen Rundschau" und erreicht zumindest in den ersten Jahren auch bei weitem nicht deren Auflage. Aus diesem Grund wird "Nord und Süd" in dieser Arbeit nicht weiter beachtet.7

Als Idealtyp eines Nationaljournals gilt allgemein die "Deutsche Rundschau".8 Die Zeitschrift wird 1874 auf Anregung Berthold Auerbachs von Julius Rodenberg gegründet. Geplant als publizistische Reaktion auf die Reichsgründung, wird sie schon nach zwei Jahren mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren als meistgelesene Rundschauzeitschrift zu dem massgebenden Organ des gebildeten liberalen Bürgertums, dem sie sich ausdrücklich empfiehlt.9 Wie bei der "Gegenwart" liegt der Schwerpunkt bei wissenschaftlichen und kulturellen Essays, mit besonderer Berücksichtigung von Literatur und Literaturkritik. Im Gegensatz zu den hauptsächlich staatswissenschaftlich und politisch orientierten "Grenzboten" sind politische Erörterungen in der "Deutschen Rundschau" wie auch in den Lindau- Zeitschriften selten.

Besonders die "Deutsche Rundschau" als die führende Zeitschrift des gebildeten Bürgertums, aber ebenso die "Grenzboten", die "Gegenwart" und "Nord und Süd" vertreten nicht nur repräsentativ die bürgerliche Öffentlichkeit, sondern nehmen auch aktiv auf den politischen und ästhetischen Meinungs- und Wertbildungsprozess Einfluss. Die Rundschauzeitschriften sind daher als die beste zeitgenössische Quelle anzusehen, um Veränderungen und Strömungen in Kultur und Politik nachzuspüren und sind folglich im Bereich der bildenden Kunst Spiegel und Motor der verschiedenen herrschenden Trends.


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1)  Julius Rodenberg, Die Begründung der Deutschen Rundschau. in: DRu 26.Jg. Oktober 1899, S.1-39, hier: S. 29-31. - Aufgrund des Briefes eines Grosshändlers aus New York, der nur dann einen grösseren Posten der Zeitschrift abnehmen will, wenn von der ausländischen Bezeichnung "Revue" Abstand genommen wird, wird der Titel in "Deutsche Rundschau" geändert. siehe: ebd. S.33.

2)  Walter Schotte, Das Programm der "Preussischen Jahrbücher". in: Oskar Häring (Hrsg.), Georg Stilke 1872-1922. Denkschrift und Arbeitsbericht. Berlin 1922, S.160-184; Rüdiger vom Bruch, Wissenschaft, Politik und öffentliche Meinung. Gelehrtenpolitik im Wilhelminischen Deutschland (1890-1914). Husum 1980, S.427-28.

3)  Neben Überblicksdarstellungen von: Eberhard Naujocks, Die Grenzboten (1841-1922). in: H.-D.Fischer (Hrsg.), Deutsche Zeitschriften. S.155 166; und W. Haacke, Politische Zeitschriften, Bd.2, S.144-154, informieren folgende Artikel über die "Grenzboten": Johannes Grunow, 50 Jahre!, in: Gb. 50.Jg. 1891 IV, S.1-55; Hans Martin Elster, 100 Jahre Verlag Fr.W.Grunow, Leipzig 1919; Mathilde Kelchner, Georg Cleinow und die Grenzboten, in: Gb. 79.Jg. 1920 I, S.2-16; Fritz Werner, Die Grenzboten. Aus der Geschichte einer achtzigjährigen Zeitschrift nationaler Bedeutung. in: Gb. 81.Jg. 1922, S.448-452.

4)  Die "Gegenwart" wird ab Oktober 1881 von Theophil Zolling herausgegeben, der die Zeitschrift 1886 auch erwirbt.

5)  Weitere Informationen liefern: Heinz-Alfred Pohl, Die Gegenwart. in: H.D. Fischer (Hrsg.), Deutsche Zeitschriften. S. 167-181; W. Haacke, Politische Zeitschriften. Bd.2, S.177-190; Syndram, Kulturpublizistik, S.58-71; Paul Lindau, Erinnerungen. 2 Bde. Berlin 1916-19; ders., "Die Gegenwart". Von der Begründung der Wochenschrift bis zum Ende meiner Leitung. Januar 1872 - Oktober 1881. in: Oskar Häring (Hrsg.), Georg Stilke. S.81-101; Heinrich Spiero, Paul Lindau. Berlin 1909.

6)  I. Fischer- Frauendienst, Bismarks Pressepolitik, S.34 f.

7)  Literatur siehe "Die Gegenwart".

8)  Julius Rodenberg, Die Begründung der Deutschen Rundschau. in: DRu 26.Jg. Oktober 1899, S.1-39; Wilmont  Haacke, Julius Rodenberg und die Deutsche Rundschau. Eine Studie zur Publizistik des deutschen Liberalismus (1870-1918). Heidelberg 1950; Heinrich Spiero, Julius Rodenberg. Sein Leben und seine Werke. Berlin 1921; Rudolf Pechel (Hrsg.), Deutsche Rundschau. Acht Jahrzehnte deutschen Geisteslebens. Hamburg 1961. Eine kurze Übersicht bieten auch Hans- Wolfgang Wolter, Deutsche Rundschau (1874-1964). in: H.-D. Fischer (Hrsg.), Deutsche Zeitschriften. S. 183-200; und: W. Haacke, Politische Zeitschriften. Bd. 2, S.191-201; K.U. Syndram, Kulturpublizistik, S.43-57.

9)  Friedrich Kreyssig, Literarische Rundschau. DRu 1.Jg. Oktober 1874, S.132.